Der „Garten der Insekten“ – Interview

Im heutigen Interview unterhalte ich mich mit Markus Gastl, der sich in seinem Bemühen, der Natur etwas zurückzugeben, mit seinem Hortus Insectorum („Garten der Insekten“) deutschlandweit einen Namen gemacht hat.

 

Hallo lieber Markus. Bitte stellen Sie sich und Ihre Arbeit kurz vor.

Seit 2007 beschäftige ich mich intensiv mit der Gestaltung von Gärten, zuerst mit dem Hortus Insectorum auf 7500 m2 und seit 2013 auch mit dem Hortus Felix, einem Permakulturgarten, auf 2800 m2. Heute betreue ich also mehr als 10000 m2 und habe genügend Zeit, Führungen zu machen oder Vorträge zu halten. Noch immer arbeite ich in meinem richtigen Beruf als Krankenpfleger. Das Hauptanliegen ist es, andere Gärtner oder Menschen zu motivieren, sich wieder mehr und intensiver mit dem eigenen Land auseinander zu setzen und kreativ zu werden. Das Ziel aller Bemühungen sollen Vielfalt, Schönheit und Nutzen im eigenen Garten sein.

 

Wie und wann ist der Hortus Insectorum eigentlich entstanden?

Die Idee zum „Garten der Insekten“ beruht auf einem Versprechen, welches ich nach einer zweieinhalbjährigen Radreise von Feuerland nach Alaska gegeben hatte. Auf den 41883 geradelten Kilometern habe ich viele schöne Dinge erlebt, unberührte Natur, Gastfreundschaft, Tiere und Pflanzen und alle Klimazonen dieser Erde. Aber ich wurde auch immer wieder mit Naturzerstörung konfrontiert, Abholzung der tropischen Wälder, Monokulturen, Verstädterung, Flächenfraß und Veränderung des Klimas. All dies hat mich tief berührt und ich wollte oder musste sogar etwas für mich und die Welt tun. Direkt vor meiner Haustüre, auf meinem eigenen Land, für die bedrohte Natur. So begann ich also ab 2007 eine Fettwiese im Landkreis Ansbach (Mittelfranken, Bayern) in einen Naturgarten zu verwandeln.

 

Wissen Sie, wie viele Pflanzenarten ungefähr im Hortus Insectorum wachsen und gibt es davon welche, die Sie im Naturgarten als besonders wichtig erachten?

Leider führe ich keine Listen oder notiere Neuzugänge in meinem Garten. Dazu fehlt mir die Zeit oder auch der Ordnungsinn oder die Planungswut. Sicher kann ich sagen, dass ich 80 verschiedene Wildrosen gepflanzt habe. Der Rest ist aber Vielfalt pur. Dies wird mir auch immer wieder von Besuchern auf Führungen bestätigt, die beeindruckt sind von der Fülle von Blumen und Pflanzen. In Deutschland gibt es ca. 4500 verschiedene heimische Pflanzen. Wenn ich 10 % davon im Garten habe, liege ich wahrscheinlich schon weit über dem Durchschnitt.

Pflanzen leben in Gemeinschaften, die wiederum von dem anstehenden Boden vorgegeben sind. Das bedeutet, nicht alle gepflanzten Geschöpfe werden bleiben, etliche verschwinden wieder und andere tauchen von alleine auf.

Wichtig für mich ist ein durchgehendes Nektar- und Pollenangebot im Jahresverlauf. Das bedeutet, ich konzentriere mich auf die Lücken in diesem Trachtfließband. Die großen Lücken sind im zeitigen Frühjahr (hier sind wichtig Krokus, Weide, Huflattich), nach der ersten Wiesenmahd und dem Abblühen der Obstbäume Ende Mai (hier springt die Blütenpracht der Hot-Spot Zone ein) und der späte Herbst (Herbstzeitlose, Fette Henne, Efeu, Bienenbaum usw.).

Grundsätzlich ernährt sich die heimische Natur von heimischen Pflanzen, weswegen einheimischen Pflanzen immer der Vorrang zu fremdländischen Pflanzen gegeben werden sollte.

 

Können Sie ein paar der Tiere nennen, die sich mittlerweile in Ihrem Hortus eingefunden haben?

Ein Naturgarten wimmelt wegen dem Nektar- und Pollenangebot nur so von Insekten. Schmetterlinge sind leicht zu bestimmen, Schwalbenschwanz, Zitronenfalter, Kleiner Perlmutterfalter, Goldene Acht, zwei verschiedene Widderchenarten usw. sind jedes Jahr in großen Populationen vorhanden. Wildbienen lieben den Strukturreichtum eines Drei-Zonen-Gartens und siedeln sowohl in künstlichen Nisthilfen wie auch in anderen Naturmodulen, die extra installiert werden. Die vielen Arten zu unterscheiden gelingt nicht immer, aber es gibt Wollbienen, Harzbienen, Seidenbienen, Blutbienen, Blattschneiderbienen, Pelzbienen, kurzum eine große Vielfalt.

Mit der Zeit stellen sich auch die Tiere, die Insekten fressen, ein.

Ob es nun die unterschiedlichsten Singvögel in der Pufferzone, oder Igel, Spitzmaus und Maulwurf am und im Boden oder die Fledermäuse in der Luft handelt, alle siedeln nur dort, wo sie Nahrung und Unterschlupf finden können.

Meine Lieblingstiere sind Amphibien, im Hortus Insectorum kommen vor: Laubfrosch und Gelbbauchunke (zwei Rote-Liste-Arten), Grasfrosch, Wasserfrosch und Erdkröte und der Teichmolch. Im Hortus Felix ist die Vielfalt geringer, aber dort konnte ich Bergmolch und Kammmolch (weitere Rote-Liste-Art) nachweisen.

 

Gibt es im Moment Pläne, den Hortus Insectorum in irgendeiner Form zu erweitern oder andere Projekte zum Thema Naturgarten?

Nun mit den beiden Gärten, die mir gehören, habe ich genügend Land, welches ich betreuen kann und darf. Ich selbst werde mir also kein Land mehr kaufen.

Aber ich möchte andere Menschen motivieren, selbst einen Hortus anzulegen. Daraus ist das „Hortus Netzwerk“ entstanden. Im deutschsprachigen Raum sind schon mehr als 70 Horti entstanden. Viele dieser Hortusianer tauschen ihre Fragen, Begeisterung und Fortschritte im sozialen Netzwerk Facebook auf der Seite „Das Hortus Netzwerk“ aus. Hier beantworte ich oft Fragen oder gebe Hinweise, die weiter helfen.

 

Ein wichtiger Teil Ihrer Arbeit ist das Drei-Zonen-Modell, über das Sie auch ein Buch geschrieben haben. Können Sie meinen Lesern einen kleinen Einblick in dieses Modell geben?

Ein Drei-Zonen-Garten ist ein komplett neues Gartenmodell und berücksichtigt ökologische Vernetzungen und Tatsachen in seinem Aufbau. Die Pufferzone hat eine räumliche und energetische Abgrenzungs- und Schutzfunktion. Wichtig sind die Vielfalt der Sträucher und die eingebauten Naturmodule wie Totholz, Sandarium, Insektenhotels, Steinstrukturen, Versteckmöglichkeiten usw. Die Hot-Spot Zone besteht aus strukturreichen und mageren Biotoptypen, die in Mitteleuropa das Gros an Vielfalt stellen, sowohl bei den Pflanzenarten als auch bei den Insekten. In herkömmlichen Gartenmodellen wird dieser Aspekt oft in keiner Weise umgesetzt. Diese beiden Zonen schützen das Herz des Gartens, die Ertragszone. Hier findet der Anbau zur Selbstversorgung nach permakulturellen Prinzipien statt.

Das Drei-Zonen-Garten-Modell ist auf Gärten jeglicher Größe übertragbar, ob Neuanlage oder Umgestaltung. Prinzipiell ist eine Anlage sogar auf einem Stadtbalkon realisierbar. Das ökologische Verständnis der Zusammenhänge und Prozesse in der Natur wird durch die Anlage eines Drei-Zonen-Gartens gefördert.

 

Nicht jeder Gartenbesitzer kann, beziehungsweise möchte seinen Garten im großen Stil ändern. Womit sollten solche Gartenbesitzer Ihrer Meinung nach beginnen?

Formulieren Sie zunächst ihre Ziele und die Bedürfnisse an ihren Garten!

Wenn Sie einen Grillplatz oder einen Sandkasten für die Kinder brauchen, realisieren Sie die beiden Elemente. Der Rasen zum Spielen oder die Terrasse für ihren Samstagnachmittag können für Sie persönlich wichtig sein, deswegen sollten Sie auch nicht darauf verzichten. Gliedern Sie einfach alle gewünschten Elemente in den Drei-Zonen-Garten ein.

Versöhnen Sie sich mit der Natur! Gestalten Sie ihre Umgebung voller Kreativität und Schaffenskraft. Die Erträge und Leistungen eines funktionierenden Systems sind für Sie umsonst nutzbar und helfen Ihnen auf alle Fälle Ihre Kosten, den Arbeitseinsatz und den Energieaufwand in ihrem eigenen Garten deutlich zu vermindern.

Wenn ihre Motivation ein Garten für die Natur ist, werden Sie mit der Zeit auch für Veränderungen offen und möchten verändern. Wenn Sie bemerken wieviel mehr Leben eine Blumenwiese gegenüber dem Rasen hat, hat sich das alles für Sie rentiert.

 

Gibt es irgendetwas, von dem Sie denken, dass es in keinem Naturgarten fehlen sollte?

Was in vielen Gärten, auch in Naturgärten, fehlt ist eine richtig gestaltete Hot-Spot Zone. Warum? Weil sehr viele Menschen glauben, Üppigkeit und Vielfalt braucht guten, fetten Boden.

In unserer Natur finden sich die reichhaltigsten und buntesten Pflanzengesellschaften auf mageren Böden in Sandgruben, Steinbrüchen und trockenen Hängen von Naturschutzgebieten. Das hat ökologische Gründe. Dies in einem Garten nachzubauen ist höchste Kunst, kann aber einfach von dem Vorbild Natur abgeschaut werden.

Wenn man die Grundlagen verstanden hat, ist es überraschend einfach, wie die Natur halt auch.

 

Besteht die Möglichkeit, den Hortus Insectorum zu besichtigen?

Auf der Homepage www.hortus-insectorum.de finden sich auf der Unterseite Führungstermine alle weiteren Informationen zu den beiden Gärten Hortus Insectorum und Hortus Felix.

 

Gibt es darüber hinaus Angebote Ihrerseits, bei denen interessierte Leser weitere Einblicke in die Thematik erhalten können?

Das Buch Drei-Zonen-Garten führt in die Anlage, Pflege und Gestaltung eines Hortus ein. Das zweite Buch Ideenbuch Nützlingshotels bietet 30 Projekte zum Selbermachen, die für jeden Garten geeignet sind.

Das Hortus Netzwerk“**, eine Gruppe auf dem sozialen Netzwerk Facebook, verbindet alle Mitglieder, die Freude am eigenen Gärtnern haben.

Jeder ist herzlich dazu eingeladen mitzumachen:

  • einfach nach den Namen von Tieren und Pflanzen zu fragen, die ihm im Garten begegnet sind
  • seine Freude kundzutun, wenn statt dem Rasen die Blumenwiese mit all ihren Insekten entstanden ist
  • von seinen Ernteerfolgen zu berichten
  • sich gegenseitig real kennen zu lernen und andere Horti zu besuchen

usw.

** Anmerkung Garten-als-Naturschutz: Der Link zur Gruppe ist nur mit eigenem Facebook-Account nutzbar.

Vielen Dank für das Interview!